Ernsgaden (kog) Vier Jahre alt und immer noch Probleme
beim Sprechen. – Ob aus dem Buben mal etwas
wird? Der Psychologe war skeptisch, damals, 1983.
"An der Grenze zur Lernbehinderung" sei
er, der kleine Thomas. Was aus dem Buben geworden
ist? Stipendiat an der Universität Oxford und
promovierter Mathematiker, der Programme für
einen weltweit operierenden Rohstoff-Fond entwickelt.
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Oxford-Stipendiat auch ohne Gymnasium: Dr. Thomas
Schmelzer aus Ernsgaden, der hier einen Umhang
trägt, wie er Doktoranden der berühmten
englischen Universität vorbehalten ist. |
Oxford mit seinen alt ehrwürdigen Gemäuern
ist auch nach absolvierter Promotion der Wohnort von
Dr. Thomas Schmelzer geblieben – beruflich bedingt.
Doch drei oder vier Mal im Jahr besucht er seine Eltern
und seine beiden Brüder zu Hause in Ernsgaden.
Wobei zum jüngsten Wiedersehen auch frühere
Lehrer eingeladen waren: von der örtlichen Hauptschule,
von der Realschule Geisenfeld und von der Berufsschule
Ingolstadt. Und vom Gymnasium? Niemand, weil der 29-Jährige
ein solches nie besucht hat.
Thomas Schmelzer ist ein Musterbeispiel, wie man auf
auf dem zweiten Bildungsweg ganz nach oben auf der
akademischen Karriereleiter klettern kann. Trotz Entwicklungsproblemen
in der frühen Kindheit. Da waren zum einen die
schon angesprochenen Artikulationsschwierigkeiten.
Als Vierjähriger hat ihr Sohn nicht nur gestottert,
er konnte auch auch bestimmte Buchstaben nicht aussprechen,
erinnert sich Mama Brigitte. Nach zwei Jahren Förderung
im Sprachheil-Kindergarten und weiteren zwei Jahren
in der Sprachheilschule Ingolstadt waren diese Probleme
jedoch überwunden. In Luft aufgelöst haben
sich auch die motorischen Schwierigkeiten, unter denen
der kleine Thomas zunächst litt. Heute ist der
29-Jährige ein begeisterter Rennradfahrer, der
auf seinem Drahtesel erst kürzlich die Alpen
überquert hat.
Steil bergauf ging es für den Ernsgadener auch
akademisch, wenn auch zunächst nichts darauf
hindeutete. Trotz guter schulischer Leistungen lehnte
der Zehnjährige nach der Grundschule in Ernsgaden
einen Wechsel aufs Gymnasium vehement ab ("Na,
net scho wieder Busfahren!"), und blieb lieber
vor Ort auf der Hauptschule. Nach der sechsten Klasse,
1991, wechselte Thomas Schmelzer auf die Realschule
Geisenfeld – wo er nicht nur in Mathe und Physik
mit hervorragenden Leistungen glänzte.
Danach ging es zügig weiter: Lehre als Industriemechaniker
bei Audi und zugleich Besuch der Fachoberschule. Es
folgte ein weiteres Jahr an der Berufsoberschule,
und schon hatte der junge Ernsgadener nicht nur eine
abgeschlossene Berufsausbildung, sondern auch das
Fachabitur.
Doch Thomas Schmelzer wollte mehr: Noch während
des Zivildienstes in den Werkstätten der Lebenshilfe
in Ingolstadt begann er ein Fernstudium der Physik
in Kaiserslautern, wo er dann für weitere zwei
Jahre Mathematik und Physik studierte. Ein Auslandssemester
führte Thomas Schmelzer zum ersten Mal nach Oxford,
sein Diplom machte er 2004 an der Technischen Hochschule
in Zürich.
Den Weg zurück nach Oxford ebneten dem aufstrebenden
Akademiker seine außerordentlichen Leistungen.
Als einer von nur drei unter 75 Bewerberger wurde
der Sohn eines Maurermeisters für das "Rhodes"-Stipendium
ausgewählt, das ausländische Studenten an
der Uni Oxford fördert, und so promovierte er
an der englischen Elite-Uni binnen drei Jahren zu
einem Thema aus der numerischen Mathematik.
Ein knappes Jahr ist es nun her, dass der junge Ernsgadener
den "square cap", also den Doktorhut, bekam,
und bei seiner Qualifikation steht ihm beruflich natürlich
"die Welt offen". In gehobener Position
ist er seit der Promotion bei einem Rohstoff-Hedgefond
tätig, für den er Programme entwickelt,
die automatisch entsprechende Positionen handeln.
Mal zurück nach Deutschland? Nur um die Familie
in Ernsgaden zu besuchen, die der 29-jährige
stets hinter sich gewusst hat, wie er betont. Beruflich
seien aber "die Chancen im Ausland einfach attraktiver".
Von Gerhard Kohlhuber